Fotografische Wege durch die Stadt

Dieser Tage, wo es endlich Frühjahr wird und wir ins Freie gehen, passiert es mir, dass ich den Winter vermisse. Und während die Väter und Mütter im Prenzlauer Berg nicht mehr Schlitten fahren, erinnern mich die gemachten Fotos an Erlebtes. Nicht selten parkte ein Krankenwagen vor dem Parkeingang, weil etwas schief gegangen war, ein Mensch beim Rodeln gegen den Zaun geprallt war. Die Berliner MoPo titelte “Rodeln ist in Berlin die neue Party.” Rodel-Unfälle gab es dort auch schon 2014. Es gibt sie immer noch. Von mindestens elf Rodel-Verletzten in diesem Jahr in Berlin hörte man. Ich muss sagen, aus meiner Perspektive war das alles sehr schön. Ich lief mit meinen Winterstiefeln gegen den Strom nach oben, gleichzeitig auf den glatten Boden konzentriert und darauf, den mir entgegenkommenden Rodler*innen auszuweichen.

Henri Cartier-Bresson fragt in seinem Text “Der entscheidende Augenblick”, was eine Fotoreportage ist. Er schreibt über die Unterschiede zwischen Fotografen und Schriftstellern und darüber, dass bei einer guten Fotoreportage sowohl der die innere Welt des Fotografen als auch die äußere Welt Gewicht haben, sodass eine Art Gleichgewicht zwischen beiden entsteht.

Es steht außer Frage, dass die Komposition bei guten Bildern nicht nur etwas über das Abgebildete, sondern auch über den Fotografen, die Fotografin zeigt. Bilder können aufdringlich und nah erscheinen, wie ein Film, bei dem man bei entscheidenden Szenen die Augen schließt.

Offenbar gehen wir durch Bilder auch eine Beziehung ein, bilden Wissen aus, das nie einfach nur etwas ist, das man anhäuft. Das Wissen, das wir durch das Anschauen von Fotografien “eingehen”, ist lebendiges Wissen, es ist Dialog mit vielfältigen Ansprüchen und Wahrnehmungen.

Die Freundin, die mir auf einen Instagram-Post, den ich mit “Worte statt Bilder” untertitelte, weil ich keine Worte fand, um das Bild zu beschreiben, schrieb “Bilder IN Worten” als Kommentar unter den Post. Mit Fotografien können wir etwas sagen, dass sich anders vielleicht schlecht sagen lässt. Sie bieten eine Gelegenheit, sich anders auszusprechen. Wie reden Bilder und welche Bilder rufen andererseits geschriebene Worte auf? Dieses Wechselspiel ist interessant.

Die Fotoreportage zeichne sich dadurch aus, dass sie eine Zusammenarbeit von Intellekt, Auge und Herz erfordere, schreibt Cartier-Bresson. Außerdem müsse der Körper belastbar sein. Das alles ist richtig. Ich brauche das Herz, um beim Einfangen der Bilder achtsam zu bleiben. Ich brauche den Intellekt, weil nicht nur das Bild eine Komposition hat, sondern auch die Bildstrecke. Und ich brauche das Auge, zum Fotografieren und auch zum späteren Sortieren und Neuanordnen.

Auf Spaziergängen durch das bei Nacht gerade nahezu verlassene Berlin habe ich Dinge sehen können, die ich sonst nicht gesehen hätte. Mir sind die Luxushotels aufgefallen, der sinnentleerte Wahnsinn, ihre Beleuchtung zu Zeiten, wo sie größtenteils geschlossen sind. Mir sind die geschlossenen Theater aufgefallen, manches nur durch seine rote Beleuchtung. Ich nehme bei diesen Spaziergängen so viele Fotos auf wie möglich, platziere mich an den vergessenen Ecken der gesehenen Orte und schieße. Es ist wirklich ein bisschen wie schießen. Das Gesehene gibt die Richtung vor. Manchmal ist genau das, was ich einfangen wollte, auch auf der Fotografie sichtbar. Manchmal überhaupt nicht.

In einem Gespräch sagte ein Bekannter diesen Satz, dass sich nicht alles fotografisch festhalten ließe. Aber manchmal nimmt man seine Fotografien und staunt, dass darauf etwas zu sehen ist, das man vorher übersehen hatte. Das Heranzoomen hilft dabei sehr. So kann ich etwas über die Welt lernen, das mir ohne die Foto-Funktion meines Smartphones entgangen wäre. Als Fotografien erfasse ich die Realität doppelt und bilde mich durch diesen Prozess weiter. Visuelles reizt nicht nur mein Auge, sondern schult auch meinen Intellekt. Und in einem dritten Schritt lese ich die Bilder(-strecken) wieder ganz von Neuem, wenn ich sie auswähle. Auch als leidenschaftliche Leserin von Fotoreportagen gilt für mich das, was Cartier-Bresson für den Fotografen festhielt. Intellekt, Auge und Herz sind im Idealfall gleichzeitig betroffen.

Literatur

Henri Cartier-Bresson: Der entscheidende Augenblick. In: Wilfried Viegand (Hrsg.): Die Wahrheit der Photographie. Klassische Bekenntnissezu einer neuen Kunst. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1981, S. 267-282.

Foto: eine schräge Hinteransicht auf das Gebäude vom Café Sibylle.