Gastbeitrag von Nicola Tams
“Ist die deutsche Literaturszene zu weiß?”

22. Juni 2021 von Börsenblatt
Nicola Tams blickt zurück auf die Lit:potsdam, bei der sie sich sehr wohl gefühlt hat. Vielleicht zu wohl. Denn sie weiß, dass sie schon allein durch die Teilnahme zu den Privilegierten gehört.

Ein kleines Ereignis schlägt auf Instagram manchmal große Wellen. Und manchmal nicht. Ich nehme das gerade zu Ende gegangene Literaturfestival Lit:potsdam zum Anlass, über ein Thema zu berichten, das mir am Herzen liegt. Ich hatte noch kurz vorher erfolglos versucht, Karten für die Veranstaltung mit Dodua Otoo und Mithu Sanyal zu bekommen. Dodua Otoo und Mithu Sanyal habe ich schon vor Jahren gelesen und finde beide ganz großartig.

Ich möchte an ein Gespräch erinnern, das am 6. April zwischen Regine Hader und Sharon Dodua Otoo im Goethe-Institut stattfand und online nachzuhören ist. Die weiße Journalistin Regine Hader befragt die Schwarze Schriftstellerin Dodua Otoo danach, wie viele marginalisierte Gruppen sie in ihrem Roman sprechen lässt.

Sie können meinen Einwurf provokativ finden oder mir vorwerfen, ich betriebe Identitätspolitik. Das tue ich nicht. Aber ich möchte Ihre Aufmerksamkeit sehr gern auf ein vielleicht wenig gesehenes Thema lenken. Denn ich frage mich: Sollte die weiße Autorin und Redakteurin Anne-Dore Krohn vom rbbKultur, die ich persönlich ganz großartig finde, auf der Lit:potsdam die anschließende Diskussion zum Thema “Eine Frage der Identität” moderieren?

Schon die Möglichkeit, an der Lit:potsdam teilzunehmen, hat etwas mit finanzieller Kaufkraft und mit dem Privileg zu tun, Zeit für ein Freizeitprogramm zu haben.
Nicola Tams

In diesem Artikel möchte ich einmal die These formulieren, dass die deutsche Literaturlandschaft zu weiß ist. Toni Morrison hat in mühevoller, jahrzehntelanger Arbeit hochwertige Bücher Schwarzer Autorinnen und Autoren in den Katalog eines großen Verlagshauses gehievt. Ist das hierzulande schon erreicht? Sie können sich das selber fragen. Einmal in die Vertriebszahlen schauen, in die Listen. Wie sieht es in Ihrem Verlag aus? Allerdings muss ich zugeben, dass ich den Titel über meinem Gastbeitrag auch deshalb gewählt habe, damit Sie den Text lesen. Seien wir doch ehrlich: Wen interessiert im Hochsommer das Thema der Privilegien?

Ich gebe gern ein Beispiel. Am Montag war ich Privilegierte auf der Fachkonferenz für die Literatur- und Medienbranche im Rahmen der Lit:potsdam. Das Thema war “Schreiben und Publizieren im digitalen Zeitalter” und es ging unter anderem darum, wie Künstliche Intelligenz die Literaturbranche auf den Kopf stellen könnte. Zum Beispiel wurde erzählt, dass KI inzwischen Bücher auf ihre Bestseller-Fähigkeit hin analysieren kann.

Es war wunderbar, wir saßen im Garten, tranken Tee und aßen eine leichte Suppe und es war sehr friedlich. Nicht ohne Grund habe ich das Bedürfnis, im Nachhinein noch einmal etwas Salz in die Suppe zu geben, die ja auch meine eigene Suppe ist. Die Suppe der deutschen Literaturszene, die ich so sehr liebe, dass ich ihr gegenüber kritisch eingestellt bin. Ich meine die Suppe der in Deutschland rezipierten Literatur. Meist deutsch, meist weiß und meist geschrieben von Autorinnen und Autoren der großen Schreibschulen, wie Leipzig und Hildesheim.

Die Veranstaltung fand ich herrlich. Wir saßen unter Bäumen, hörten auf den Kopfhörern digital übertragen die Vortragenden, während wir durch den Garten schlenderten. Besser könnte eine Veranstaltung kaum organisiert sein. Worüber ich mich, wenn Sie so wollen, echauffiere, ist ein Thema, das uns alle, die wir da saßen oder nicht saßen, angeht. Behaupte ich. Denn ich fühlte mich wohl. Wir fühlten uns wohl.

Allerdings bin ich weiß, habe einen gewissen Bildungsstand, ein gewisses Alter, bin weder ganz jung noch ganz alt. Dankenswerterweise kamen auch keine größeren Konflikte auf, das Wetter war zu drückend, die Sonne ließ jede widerständige Energie ohnehin im Keim ersticken. Mit einer Ausnahme. Ein Lektor aus dem Publikum meldete sich zu Wort. Warum man denn die Frau von BoD (Books on Demand) an den Schluss der Veranstaltung gesetzt habe. Er warf ihr vor, Werbung betrieben zu haben. Für ihn gäbe es eine Frage der literarischen “Qualität” bei den im Selfpublishing herausgegebenen Bücher (warum ich denke, dass auch seine Wortmeldung eine Form von Eigenwerbung war – dazu später).

Niemand wird ausgeschlossen, aber manchmal geht es auch darum, aktiv auf andere zuzugehen.
Nicola Tams

Zufällig hatte ich mich bereits mit meinem Darjeeling neben Nicole Sowade gestellt, eine erfolgreiche Selfpublisherin, die unter Pseudonym ein ganzes Imperium in sich vereint. Für ihre Romane hat sie eine feste Leserinnenschaft und ein Marketing-Konzept, das sich sehen lassen kann. Auf Instagram folgen ihrem Pseudonym über 2000 Follower und die Bücher werden gekauft. Ihr Eindruck von der Konferenz war ein ganz anderer: “Ich finde es total schade, dass es bei den Panels bisher, bei allen Panels hier um die Branche ging – und dass der Leser, für den wir das hier alle machen, eher nicht zur Sprache kommt. Und wenn, dann auch eher der Feuilleton-Leser. Es ist ja schon so, dass die Leselandschaft in Deutschland super vielfältig ist und die Digitalisierung alle Leser betrifft und die Branche auch nicht bloß die kleine Nischenbranche ist, sondern Sachbuch, Belletristik, Genre-Literatur, aber natürlich auch gehobenere Literatur umfasst – und das spiegelt sich hier leider nicht so ganz wieder.”

Dass die Vorträge nicht, wie es beim Literarischen Colloquium bereits geschieht, ins Internet übertragen werden, schließt eine Gruppe von Interessierten aus, die beispielsweise zuhause ihre Kinder hüten müssen. Es ist ein ausgewähltes Publikum, das von diesen Veranstaltungen profitiert. Gerade hat sich das Kollektiv “Writing with CARE / RAGE” gegründet, ein Kollektiv von Schriftsteller*innen, die auf die mit der Verbindung von Autor*innenschaft und Elternschaft auftretenden Herausforderungen hinweisen und diese ins Gespräch bringen. Die Möglichkeit des Teilnehmens hat etwas mit finanzieller Kaufkraft und mit dem Privileg zu tun, Zeit für ein Freizeitprogramm zu haben.

“Wir schließen niemanden aus”, sagte Veranstalterin Sabine Haack vor drei Jahren im Gespräch mit Lena Schneider von den Potsdamer Neuesten Nachrichten über die Lit:potsdam. Damals behandelten Dörte Hansen und Mariana Leky das Thema Heimat, “das die Leute sehr umtreibt”, wie Haack damals im Interview sagte. Inzwischen ist das Thema Heimat mit Aydemirs und Yaghoobifarahs Buch “Eure Heimat ist unser Alptraum” differenzierter in die Debatte gekommen.

Was, wenn diesen Talk nicht die weiße Moderatorin moderiert hätte, sondern vielleicht umgekehrt sie zu ihren Erfahrungen mit ihrem Weißsein befragt würde?
Nicola Tams

Mittlerweile sitzen Sharon Dodua Otoo und Mithu Sanyal auf der Bühne der Lit:potsdam und das kann einen nur freuen. Hier eine freundlich gemeinte Bitte, die ich gern per Handmeldung geäußert hätte, wenn ich denn da gewesen wäre (abgesehen vom fehlenden Ticket fühlte ich mich kränklich und hätte es nach der Arbeit auch nicht mehr geschafft anzureisen): Was, wenn diesen Talk nicht die weiße Moderatorin moderiert hätte, sondern vielleicht umgekehrt sie zu ihren Erfahrungen mit ihrem Weißsein befragt würde? Man muss in diesem Fall auch auf die Sprache achten. Sich für das “interessante Gespräch” zu bedanken, ist vielleicht hier fehl am Platz.

Niemand wird ausgeschlossen, aber manchmal geht es auch darum, aktiv auf andere zuzugehen. So fühlte Selfpublisherin Nicole Sowade sich auf der Veranstaltung eher nicht gemeint:

“Im Endeffekt haben wir immer noch so etwas, dass wir Bücher sagen, wenn wir Geschichten meinen. Es müsste umgekehrt sein: Wir reden von Geschichten und Stoffen und Themen und das Buch ist nur das Ding, das Trägermedium, das es uns näherbringt. Und deshalb kann das Buch auch gerne aussterben. Geschichten können immer bleiben.”

Und dazu gehört auch diese.

Hinterher im Privatgespräch flüsterte mir der Lektor, der sich auf der Eröffnungskonferenz zu Wort gemeldet hatte, mit einem schelmischen Lächeln zu, dass er übrigens selbst für die Autor*innen arbeite, die bei BoD publizierten. Das fand ich komisch. Und interessant genug, um erzählt zu werden.

Die eigenen Privilegien überprüfen kann man beispielsweise online mit dem Privilegien-Test.