Über das schreiben, was ist

An der Station Treptower Park ist es fast unangenehm voll, trotz des strömenden Regens sind die Berlinerinnen und Berliner unterwegs, lassen sich nicht von ihrem Unterwegssein abhalten. Ich befürchte die weiteren Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, freue mich über den Sonntag. Vielleicht haben auch die anderen sich schon so sehr an die Tage im Home Office gewöhnt, dass sie diesen Ausflug schätzen.

So können wir Flaneure für einen Moment die Mutation des Coronavirus vergessen und auf den Fluss sehen, in dunstigen Himmel getaucht, heute wollte es gar nicht so richtig hell werden.

Ich möchte versuchen, etwas über das Schreiben zu sagen. Für mich passiert das Schreiben in erster Linie draußen.
Draußen, das kann in der Natur sein, da, wo einen niemand findet. Oder es kann draußen in einem anderen Viertel sein, das ich noch nicht kenne. Oder es kann, das ist auch eine Möglichkeit, so geschehen, dass ich die Dinge um mich herum mit einem Blick der Fremdheit betrachte. Ich lasse mich wie eine Fremde auf die altbekannten Straßenzüge, die bereits gesehenen Ecken und Gegenstände ein und sehe sie noch einmal neu.

Draußen, das heißt außerhalb des Gewöhnlichen. Ich kann dafür auch eine andere Position einnehmen. Ich kann mich für eine Weile an einen geliehenen Schreibtisch setzen, auf einen Barhocker, auf den Fußboden. Ich kann im Stehen schreiben oder unter der Bettdecke.

Ich kann meine Haltung ändern. Ich kann versuchen, mir ein Thema anzueignen, von dem ich bisher keine Ahnung hatte. Ich kann mich mit Grundlagen der Baustoffchemie auseinander setzen. Ich kann etwas über Aale lesen. Ich kann mir ein Buch über die biologischen Grundlagen der Schwangerschaft kaufen und darin lesen.

Für mich ist vieles im Schreiben eine Frage der Stimme. Die Stimme hat etwas mit der Geschwindigkeit zu tun. Wie lang kann ich ein Wort dehnen? Wie schnell muss ich tippen, damit der Gedanke nicht verloren geht? Und die Stimme hat auch etwas mit dem Sehen zu tun.

Das Sehen ist eine Frage der Perspektive. Die Perspektive bietet ein Zurückschauen, wenn man denkt, dass es nur vorwärts geht. Sehen ist manchmal eine Frage der Vernunft und manchmal der Unvernunft. Ich kann mein Sehen verändern. Es gibt Experimente, in denen Menschen einen Gorilla, der den Raum betritt, nicht sehen, weil sie auf etwas anderes im Bild konzentriert sind. Im Schreiben können wir uns öffnen und können wir uns verschließen.

Wie im Denken gibt es Wege, die einen nicht weiter führen und andere, die mit der Anzahl der gegangenen Schritte immer breiter werden. Deshalb meine ich, dass es so wichtig ist auszuprobieren, spielerisch zu sein, sich nicht so ernst zu nehmen.

Ich lasse den Treptower Park hinter mir. Steige noch in die U-Bahn, in einer viel zu kurzen Jacke ist es kühl geworden. Eine obdachlose Frau trägt ihre Hose sehr weit unten. Bei der nächsten Station steigt sie aus. Nächste Station Ostbahnhof. Das heißt für mich aussteigen.

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