Vielleicht wird sich 2021 nichts verändern…

Wie es ein einfacher Virus geschafft hat, das Leben in den Straßen weltweit so nachhaltig zu verändern, lässt sich vielleicht nicht ganz fassen. Wenn man in einem Land lebt, in dem Krieg ist, kann man sich einbilden, dass es einen klaren Feind gibt und so das Vertrauen in die Nation, die Gemeinschaft stärken.

Wenn ein Feind nicht greifbar ist, kann man sich aufregen, ist aber machtlos.
Bei so mancher Gelegenheit sieht man den Menschen beim Schulterzucken oder Kopfschütteln zu, man sieht sie durchhalten und täglich angesichts neuer, erschreckender Zahlen innerlich zurückweichen.

Innerhalb eines Jahres haben wir den Schritt ins mobile Arbeiten erlebt. Auch den Einzelhandel mit Ausnahme der Supermärkte “überleben” wir für eine Weile dürfen uns fragen, was wir mit der gewonnenen oder verlorenen Zeit anstellen. Haben die Wohnungen und die Parks eigentlich jemals so viele Menschen erlebt?

Und was werden die Folgen sein? Es ist eine Variante einer Utopie, dass sich nichts dauerhaft verändert. Es ist eine andere, dass ein Umdenken stattfindet.

2021 und wir wissen es nicht. Vielleicht wird sich 2021 nichts verändern.

1947 schreibt Albert Camus seine Erzählung “Die Pest.” Zu Beginn dieser Erzählung stolpert der Arzt Rieux im Hausflur über eine tote Ratte. Diese erste tote Ratte wird zum Symbol dafür, wie wirkliche Veränderung geschieht. Erst ist es eine, dann vervielfältigen sich die Nachrichten von toten Ratten. Als schließlich auch Menschen anfangen zu sterben, beginnt der Zustand der Panik.

Ist es nicht gerade die Kraft von Fiktion, dass sie einem das Handeln in der Praxis auf eine neue Grundlage stellt? Sie hilft uns damit umzugehen, mit Vernunft vorzugehen und mit dem nötigen Gefühl.

Wie verhalten wir uns in Situationen, in denen sich alles um uns verändert?

Ein Beispiel für eine stattfindende Veränderung sind die Medien. Wie können uns Bilder von sich einnehmen, uns für einen Moment verzaubern, vergessen lassen? Inwieweit hat sich die Werbung verändert, die ethischen Bedingungen des Werbens? Was lässt sich angesichts der Angst vieler Menschen noch zeigen? Welche Bedingungen gibt es für soziale Beruhigung: hinreichend Masken, Schutzraum für Individuen?

Bei Camus sind es die moralischen Fragen, die das neue Leben angesichts der Pest bestimmen und das Zusammenleben so verletzbar machen. Wenn es an etwas mangelt, dann stellt sich zwangsläufig die Frage der Hierarchie. Denn wer geht vor, wenn es keine Beatmungsgeräte mehr gibt? Welches Leben ist mehr wert? Schütze ich das Leben eines älteren Verwandten besser durch seine Isolation oder dadurch, dass ich mich isoliere?

Vielleicht wird sich tatsächlich 2021 nichts verändern.

Im Internet war das Buch “Die Pest” in den letzten Monaten für eine Weile vergriffen, so brandaktuell schienen seine Mitte des zwanzigsten Jahrhundert entwickelten Gedanken, seine Beobachtungen über das Verhalten von Menschen, über ihr Miteinander in Ausnahmesituationen.
Vielleicht werden diese Fragen, die wir uns heute stellen, etwas verändern.

#philosophyinbusiness #complexdecisions