Wie ich meiner Mutter zum Muttertag die Vorfreude stehle

Dieses Jahr habe ich mir überlegt, weil meine Mutter Bäume mag, dass ich ihr einen Baum schenken will. Also keinen echten. Ich werde ihr das Pflanzen eines Baums spenden und hoffe, dass das Geschenk gut ankommt.

Tatsächlich ist zwar der erste Schritt des Einwickelns des Geschenks in Geschenkpapier bereits ein sehr schöner, verhüllender Akt, der hinterher durch die Vorstellung davon, dass die beschenkte Mutter ihr Geschenk auspackt, gekrönt wird. Aber mich beschleicht eine gewisse Skepsis, was die Nachhaltigkeit von Geschenkpapier angeht.

Aletheia ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Wahrheit. Etymologisch gesehen bedeutet Wahrheit, also Aletheia “das Unverborgene”, also letztlich das Unverpackte. Wo die Wahrheit keiner Verpackung (keines Geschenkpapiers) bedarf, ist das Schöne am Geschenk gerade, dass es zunächst im Verborgenen bleibt. Ob ich meiner Mutter also ein in buntes Geschenkpapier eingewickeltes Geschenk mache oder ihr einfach zunächst nicht verrate, ob oder was ich ihr schenken werde; beides kann ein schönes Geschenk sein.

Der Literat Walter Benjamin hat die Geschenke mit dem Geschenkregen und dem Schleier in Verbindung gebracht. Tatsächlich ist es wohl so, denke ich, dass das Gegebene erstmal “nichts” ist. Gegenstände haben für sich genommen ja noch überhaupt keinen Wert. Bis sie dann in einen Schleier getaucht sind, umhüllt werden, in Geschenkpapier eingewickelt und von vielen Schichten Papier eingelullt (das klingt negativ – soll es aber nicht) werden, als seien sie “etwas”, das es noch zu entdecken gäbe, aber noch nicht – nicht sofort – nicht schnell!

Wenn Kinder Geschenke gleich hemmungslos aufreißen, als verhülle das Geschenk sich sonst ganz, geben wir feinen Erwachsenen den Dingen ihre Weile, lassen sie zunächst eine Weile liegen oder betrachten sie, betasten den Tesafilm mit spitzen Fingern und versuchen dann mit Vorsicht, nichts zu zerstören. Dann zerren wir das Geschenk aus seiner Ummantelung, mal mit mehr, mal mit weniger Fingerspitzengefühl.

Der Philosoph Jacques Derrida schrieb, dass die Maske einen auch schützen kann und dass das Enthüllen auch eine Gewalt in sich trägt. Was aber ist die Gewalt am Auspacken des Geschenks? Die Vorstellung und die Vorfreude werden aufgegeben, dass sich hinter der Verpackung etwas verbergen könnte, das einen tatsächlich freut oder überrascht. Und dann ist da der bloße Gegenstand, die eine Geste statt all der anderen. Vielleicht aber auch, weil jedes Geschenk auch etwas über die Schenkende verrät, über ihre Intention zu geben.

Wahr ist also das Unverhüllte (aletheia). Hätte ich meiner Mutter nicht verraten, was ich ihr schenken werde, dann wäre das Geschenk schön geblieben, verziert, geschmückt. Liegt doch die Kunst des Spiels mit der Wahrheit in der Philosophie im angemessenen Auf- und Abdecken, in der Möglichkeit, immer auch etwas verdeckt zu lassen und keine Schamgrenze zu überschreiten.

Das ausgepackte Geschenk ist wie der unverhüllte Körper in der Pornographie, bei der alles sichtbar sein darf im Gegensatz zur Erotik. Es gibt nichts mehr an ihm zu verdecken und auch nichts zu entdecken.

Wo es nichts Verborgenes gibt, wird es unvernünftig. Manche Völker kennen Feste, die sich Potlatsch nennen und bei denen Verausgabung zelebriert wird. Im Potlatsch verausgaben sich hauptsächlich männliche Kämpfende so ausgiebig, dass angehäufter Reichtum ausgegeben und sich körperlich verausgabt wird. Paradoxerweise sind gerade die, die sich am meisten erschöpfen, am Ende die Sieger. Privilegien erhält, wer sich hingibt. Das ist beim Muttertag sicher nicht der Fall. Hier geht es im Gegensatz zu Weihnachten um eine Kleinigkeit, nur eine kleine Gabe.

Vielleicht schrieb daher Kant, dass Freiheit das “Geschenk par excellence” ist. Aber wie kultiviere ich eine kleine Gabe, die unter Zwang hervorwächst oder unter der gesellschaftlichen Reglementierung meines Geschenks? Wie zwinge ich sie nicht allzu sehr hinein in jene Praktiken, aus denen die Geschenke wie genetisch modifizierte Samen hervorgehen, die nicht mehr natürlich sind?

Könnte nicht auch gesagt werden, dass die Gabe ein Raub ist? Ich raube meiner Mutter die Überraschung, die Spannung, die Vorfreude. Vielleicht hat sie bis morgen diesen Blogpost bereits gelesen und dann ist es endgültig ums Geschenk im Geschenk geschehen.

Das so gegebene Geschenk hat das Geschenkpapier zerrissen, man sieht die Innenseite, sie ist hässlich und es ist vielleicht doppelt gebraucht. Es kann Unwohlsein erzeugen, wenn alles offen liegt, das vorher verborgen blieb, aber dieses Unwohlsein gibt den Beteiligten in ihrem Kampf auch Kraft. Ist es ein Streitkampf, wenn man gibt? Einer gegen sich selbst vielleicht. Scham taucht auf, wenn direkt angesehen wird, was sich entzieht. Wie die Schriftstellerin und Philosophin Hélène Cixous schrieb, schauen nur Philosophen und Depressive direkt in die Sonne. Scham schaut auf das, was im Nicht-gesehen-werden-wollen gesehen wird. Denn nackt können sie ja sein, die Unbeobachteten, aber als sie sich ansehen und sehen, dass der Schleier gefallen ist, ist das Wissen unerträglich geworden. Es belastet. Es belastet, die Gabe so nackt zu sehen.

Sollte das also richtig sein und es ein belangloser, von sozialem Rollenspiel abhängigem Zwang sein zu geben, der einen lächerlichen Gegenstand schön einpackt, wäre es dann nicht günstiger, ihr das Nichts mit buntem Geschenkband einzurollen, es sozusagen zusammenzustecken zu einem schönen Gebilde? Also bloß das Geschenkband und weiter nichts? So habe ich dann die höchste Kunst vor mir und gebe so wenig wie möglich, aber doch nicht weniger auffallend.

So kann ich dann das Verschlossene, das ja in der Wortbedeutung von aletheia auch drin steckt, der Wahrheit erhalten, das in der Gabe, was ich nicht bestimmen kann. Und endlich habe ich das perfekte Geschenk gefunden. Ich verweigere mich vor den Anklagen, den Forderungen, dem Unzufriedensein oder den Krediten bei der beschenkten Mutter, ich muss mir nichts mehr anlasten lassen, ich kann darauf verzichten, weil die Gabe ja ohnehin ein Tausch ist. Anerkennung, Prestige, Liebe, um all das brauche ich mich nicht mehr zu scheren.

Nur vielleicht nehme ich mir dann doch ein Bisschen der Freiheit, die oftmals in der Unfreiheit entsteht. Die Freiheit, die darin besteht, aus all den möglichen Geschenken und trotz all der Widrigkeiten und Risiken, die das Schenken birgt, eine auszuwählen.